Yvonne Theiler-Amsler
Familiengeschichten
Geschichten aus 12 Jahren sozialpädagogischer Familienbegleitung in den Niederlanden.
Ein paar Worte der Autorin
Yvonne Theiler-Amsler, 1960. Während ihres beruflichen Werdegangs war sie als Eltern- und Erwachsenenbildnerin sowie als Sozialpädagogin tätig. Nach ihrer Pensionierung widmete sie sich der Aufgabe, ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu Papier zu bringen. Das vorliegende Buch stellt ihr erstes Werk dar.
Yvonne Theiler-Amsler
Einblick in die sozialpädagogische Familienbegleitung in den Niederlanden
Eintauchen in andere Lebenswelten
Während meiner zwölfjährigen Tätigkeit in der Familienbegleitung (SPF) in den Niederlanden durfte ich zahlreiche Familien auf ihrem Weg unterstützen. Diese Familien standen vor vielfältigen und oft komplexen Herausforderungen. Dazu gehörten Migrationserfahrungen, gesundheitliche Einschränkungen, Suchtproblematiken, psychische Erkrankungen, Todesfälle, Scheidungen und Armut. Trotz dieser belastenden Umstände beeindruckte mich immer wieder die Fähigkeit vieler Familien – soweit es ihnen möglich war – ein liebevolles und unterstützendes Umfeld zu bieten.
Im ersten und zentralen Abschnitt meines Buches schildere ich die Lebenswege und Erfahrungen der von mir begleiteten Familien. Der zweite Teil wird sich mit meinem persönlichen und beruflichen Werdegang sowie meiner Erfahrung bei der Auswanderung und Integration in die Niederlande befassen. Der dritte Teil beschreibt einige Familienbegleiterinnen. Der vierte Abschnitt richtet sich vor allem an Fachpersonen oder Interessierte an der Sozialarbeit. Hier vermittle ich Informationen zu Methoden der Sozialpädagogik, insbesondere zur aufsuchenden Familienarbeit. Das Buch richtet sich an Eltern, Sozialpädagog*innen, Schulen, Studierende der Sozialen Arbeit, Organisationen, Hochschulen, und alle anderen Interessierten, denen das Kindeswohl am Herzen liegt.
Yvonne Theiler-Amsler, 1960. Während meines beruflichen Werdegangs war ich als Eltern- und Erwachsenenbildnerin sowie als Sozialpädagogin tätig.
Einband Taschenbuch
Erscheinungsdatum 11.05.2026
Verlag BoD – Books on Demand
Seitenzahl 308
Auflage 1. Auflage
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-696-39585-8
Einblicke in die Familienbegleitung
Jede Familie ist anders
Jetzt, nachdem das Buch erschienen ist, werde ich in den kommenden Monaten verschiedene Themen daraus aufgreifen und näher erläutern.
Jede Familie, die ich begleiten durfte, brachte ihre eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Herausforderungen mit. Deshalb war auch jede Begleitung anders. Entsprechend individuell mussten die Lösungswege gestaltet werden.
Im Zentrum unserer Arbeit stand stets die Hilfe zur Selbsthilfe. Anstatt fertige Lösungen vorzugeben, begleiteten wir die Eltern dabei, durch reflektierende und lösungsorientierte Fragen eigene Strategien für Veränderungen zu entwickeln. Besonders wichtig war es, alle Beteiligten einzubeziehen und Veränderungen gemeinsam anzugehen. Nur so konnte ein nachhaltiger Veränderungsprozess entstehen.
Von grosser Bedeutung waren zudem tragfähige Netzwerke. Diese konnten aus Verwandten, Freunden, Fachpersonen oder Institutionen bestehen. Für viele Familien stellten sie eine wichtige Ressource dar – wie du bereits weisst oder im Buch anhand vieler Geschichten lesen kannst.
Begegnung auf Augenhöhe
Während ich in den letzten Monaten an diesem Buch schrieb, tauschte ich mich immer wieder mit früheren Arbeitskolleginnen aus. Dabei wurde mir erneut bewusst, wie ähnlich unsere Haltung bis heute ist.
Respekt, Empathie und Echtheit waren sowohl im Team als auch in der Arbeit mit den Familien die wichtigsten Werte. Wir versuchten, diese Haltung im Alltag konsequent zu leben. Dadurch konnten auch schwierige Themen konstruktiv angesprochen und nachhaltig bearbeitet werden.
Eine ehemalige Kollegin hat diese Haltung im Buch besonders treffend beschrieben:
Als Familienbegleiterin begegnet man Familien oft in ihrer verletzlichsten Lebensphase. Den Kindern geht es nicht gut oder andere Menschen machen sich Sorgen um ihr Wohl. Meiner Meinung nach ist es deshalb wichtig, sehr behutsam damit umzugehen und das Gegenüber so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: respektvoll gegenüber Eltern und Kindern, aber gleichzeitig ehrlich in Bezug auf die Sorgen um das Kind.
Nur wenige Menschen tun ihrem Kind absichtlich Unrecht. Meist entstehen schwierige Situationen aus Hilflosigkeit, Überforderung, Unwissenheit, Angst, Sucht oder aus einer Kombination dieser Faktoren.
Zudem ist es nicht die Aufgabe von Familienbegleiterinnen, fertige Lösungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, so anzuknüpfen und Fragen zu stellen, dass Eltern selbst Wege zur Veränderung finden können. Auch wenn wir hauptsächlich mit den Eltern arbeiten, steht das Wohl des Kindes immer an erster Stelle.
Jeder Mensch und jedes Kind befindet sich auf einer Entdeckungsreise zu sich selbst: Wer bin ich? Warum handle ich, wie ich handle? Und was brauche ich wirklich? Genau das macht diese Arbeit so interessant.
Neurodivergenz ein komplexes Thema
Im Buch beschreibe ich viele Familien mit neurodivergenten Kindern und/oder Eltern. Dabei war mir ein neurodiversitätsbejahender Ansatz besonders wichtig – ein Ansatz, bei dem individuelle Bedürfnisse im Vordergrund stehen und nicht die Abweichung von gesellschaftlichen Normen.
Im Verlauf meiner Tätigkeit zeigte sich immer deutlicher, wie wichtig es ist, sich nicht ausschliesslich von Diagnosen leiten zu lassen. Ich durfte zahlreiche Eltern und Kinder begleiten und beobachtete, dass Fehldiagnosen relativ häufig vorkommen oder mehrere Diagnosen gleichzeitig beziehungsweise überschneidend gestellt werden. Besonders auffällig war dies in den Bereichen Hochbegabung, ADS/ADHS und Autismus. Zudem wurde das Thema Hochsensitivität bei vielen Kindern kaum berücksichtigt, da es sich nicht um eine klinisch messbare Diagnose handelt und deshalb im therapeutischen Alltag oft wenig Beachtung findet.
Unabhängig von Diagnosen haben alle Kinder grundlegende Bedürfnisse. Sie brauchen Liebe, Anerkennung, verlässliche Routinen und Rückzugsorte, an denen sie zur Ruhe kommen können – besonders in einer Zeit von Reizüberflutung und hohem Leistungsdruck.
Wichtig war mir auch, dass die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, mit denen wir zusammenarbeiteten, neurologische Unterschiede nicht defizitär betrachteten, sondern menschliche Vielfalt anerkannten. Der Begriff der Neurodiversität gefiel mir deshalb besonders: Diagnosen können hilfreiche Orientierung bieten, sie sind jedoch niemals die absolute Wahrheit über einen Menschen.
Die Rolle der Schulen
Im Buch beschreibe ich immer wieder die Rolle der Schulen sowie die Belastungen, denen Kinder ausgesetzt sind – etwa Mobbing, Schulabsentismus oder Neurodivergenz. Wenn es einem Kind schlecht ging, konnten Lehrpersonen dies häufig frühzeitig erkennen. Auch Schulsozialarbeitende spielen eine wichtige Rolle, insbesondere wenn es um Gefährdungsmeldungen an das Jugendamt in Deutschland oder an die KESB in der Schweiz geht.
Manche Schulen schlugen den Familien eine Begleitung durch unsere Stelle vor, weil sie die Zusammenarbeit mit uns schätzten. So konnten wir das Kind und die Familie gemeinsam unterstützen. Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, um überhaupt lernen zu können. Für mich standen dabei ein offenes, systemisches und transparentes Arbeiten immer im Mittelpunkt.
In einigen Familien konnten Missverständnisse dank einer offenen Kommunikation mit der Schule rasch geklärt werden. Teilweise machte sich die Schule grosse Sorgen um die Situation zu Hause, obwohl die Ursachen der Schwierigkeiten eher im schulischen Umfeld oder in der Peergroup lagen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Schulsozialarbeiterin, die sich mit aussergewöhnlichem Engagement einsetzte. Sie hatte die Fähigkeit, Kinder, Eltern und Schule mit viel Wertschätzung zusammenzubringen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Psychische und körperliche Belastungen in Familien
Wenn Eltern chronisch körperlich oder psychisch erkrankt sind oder an einer Suchterkrankung leiden, gerät oft das gesamte Familiensystem aus dem Gleichgewicht. Im Buch beschreibe ich mehrere Familien, die davon betroffen waren.
Kinder übernehmen in solchen Situationen häufig zu viel Verantwortung und machen sich ständig Sorgen um den Zustand ihrer Eltern. Dieses Thema ist auch in den Niederlanden – obwohl ich die Kultur dort als offener erlebt habe als in der Schweiz – noch immer mit vielen Tabus behaftet. Hinzu kommt, dass Kinder sich oft schuldig fühlen, weil sie die Probleme der Eltern fälschlicherweise mit ihrem eigenen Verhalten in Verbindung bringen.
Deshalb ist es wichtig, Kindern die Krankheit altersgerecht zu erklären und ihnen Unterstützung anzubieten. In den Niederlanden gab es Programme der Psychiatrie, in denen betroffene Kinder die Möglichkeit hatten, sich mit anderen über ihre familiäre Situation und ihre Sorgen auszutauschen. Wenn ein solches Angebot vorhanden ist, kann eine Teilnahme sehr hilfreich sein.
Im Buch erzähle ich unter anderem die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das sich selbst Menschen gesucht hatte, bei denen es Halt und Geborgenheit fand. Es verbrachte viel Zeit bei zwei Nachbarinnen sowie bei der Familie einer Klassenkameradin.
Genau das war zentral im gesamten Begleitprozess: dem Mädchen die Möglichkeit zu geben, ausserhalb des Elternhauses das zu erhalten, was ihm die Mutter zu Hause nicht geben konnte.
Familien mit Migrationserfahrung
Krieg, Armut, politische Verfolgung, wirtschaftliche Unsicherheit und viele weitere Gründe veranlassten Menschen dazu, in die Niederlande zu emigrieren. Der Verlust der vertrauten Kultur sowie die Schwierigkeiten, im neuen Umfeld Anschluss zu finden, führten häufig dazu, dass Eltern selbst in psychische Krisen gerieten oder Mühe hatten, sich im neuen Alltag zurechtzufinden.
Da ich mich schon immer für andere Kulturen interessierte, durfte ich viele dieser Familien begleiten. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass ich selbst Ausländerin war. Diese Arbeit bereitete mir grosse Freude. Sich an eine neue Kultur anzupassen und gleichzeitig die eigene kulturelle Identität zu bewahren, ist eine grosse Herausforderung – selbst für mich, obwohl ich „nur“ von der Schweiz in die Niederlande gezogen war.
Besonders häufig arbeitete ich mit karibischen Niederländerinnen und Niederländern von den Antillen zusammen. Von diesen Familien habe ich viel gelernt, wie ihr im Buch erfahren werdet. Ich erlebte sie als Menschen mit einer entspannten Lebenshaltung, einem starken familiären Zusammenhalt und grossem Stolz auf ihre Kultur sowie ihre Sprache Papiamento.
Trotzdem war die Integration für viele nicht einfach – obwohl sie die niederländische Staatsangehörigkeit besassen. Das konnte ich gut nachvollziehen.
Mütter im Teenageralter begleiten
Die Zahl der Schwangerschaften im Jugendalter ist in den Niederlanden eine der niedrigsten in Europa. Ein möglicher Grund dafür liegt neben der guten Präventions- und Aufklärungsarbeit auch darin, dass die Pille bis zum 18. Lebensjahr kostenlos ist und bis zum 21. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen wird.
Dennoch begleitete ich im Laufe meiner Arbeit einige sehr junge Mütter und Eltern. Die jüngste Mutter, die ich im Buch beschreibe, wurde bereits mit 13 Jahren schwanger. Sie floh von zu Hause und kam in ein Mutter-Kind-Haus. Dort erhielt sie Unterstützung beim Aufbau ihrer Erziehungskompetenzen und konnte gleichzeitig ihre Schulbildung abschliessen.
Kennengelernt habe ich sie, als sie 17 Jahre alt war. Ihr Kind war damals bereits drei Jahre alt, und sie lebte während ihrer Ausbildung wieder bei ihren Eltern. Wir verstanden uns sehr gut, die Zusammenarbeit war bereichernd, und trotz der schwierigen Umstände konnten wir oft miteinander lachen.
Dieses Beispiel zeigt, wie erfolgreich eine solche Begleitung sein kann, wenn eine junge Mutter über persönliche Ressourcen verfügt und ihrem Kind das geben kann, was für dessen Entwicklung entscheidend ist. Meine anfänglichen Vorurteile aufgrund ihres Alters legte ich sehr schnell ab.
Wohlstandsverwahrlosung
Ich begegnete diesem Phänomen bereits während meiner Ausbildung an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Damals arbeitete ich in einem Hort im Zürcher Seefeld, einem Umfeld mit hohem Wohlstand. Viele Kinder lebten dort im materiellen Überfluss, zeigten jedoch Defizite im emotionalen, sozialen und erzieherischen Bereich. Es fehlte nicht an Geschenken, sondern häufig an Struktur, klaren Regeln und Orientierung.
Im Buch beschreibe ich zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Familien, deren Situationen dennoch viele Parallelen aufweisen. Beide besuchten zeitweise keine Schule mehr. Die Eltern für diese Problematik zu sensibilisieren, gelang nur teilweise. Die Beispiele verdeutlichen, wie schwierig es ist, in der Pubertät Versäumtes nachzuholen oder grundlegende Entwicklungen noch zu verändern – insbesondere den Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind.
