Einblicke in die Familienbegleitung













Jede Familie ist anders
Jetzt, nachdem das Buch erschienen ist, werde ich in den kommenden Monaten verschiedene Themen daraus aufgreifen und näher erläutern.
Jede Familie, die ich begleiten durfte, brachte ihre eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Herausforderungen mit. Deshalb war auch jede Begleitung anders. Entsprechend individuell mussten die Lösungswege gestaltet werden.
Im Zentrum unserer Arbeit stand stets die Hilfe zur Selbsthilfe. Anstatt fertige Lösungen vorzugeben, begleiteten wir die Eltern dabei, durch reflektierende und lösungsorientierte Fragen eigene Strategien für Veränderungen zu entwickeln. Besonders wichtig war es, alle Beteiligten einzubeziehen und Veränderungen gemeinsam anzugehen. Nur so konnte ein nachhaltiger Veränderungsprozess entstehen.
Von grosser Bedeutung waren zudem tragfähige Netzwerke. Diese konnten aus Verwandten, Freunden, Fachpersonen oder Institutionen bestehen. Für viele Familien stellten sie eine wichtige Ressource dar – wie du bereits weisst oder im Buch anhand vieler Geschichten lesen kannst.
Begegnung auf Augenhöhe
Während ich in den letzten Monaten an diesem Buch schrieb, tauschte ich mich immer wieder mit früheren Arbeitskolleginnen aus. Dabei wurde mir erneut bewusst, wie ähnlich unsere Haltung bis heute ist.
Respekt, Empathie und Echtheit waren sowohl im Team als auch in der Arbeit mit den Familien die wichtigsten Werte. Wir versuchten, diese Haltung im Alltag konsequent zu leben. Dadurch konnten auch schwierige Themen konstruktiv angesprochen und nachhaltig bearbeitet werden.
Eine ehemalige Kollegin hat diese Haltung im Buch besonders treffend beschrieben:
Als Familienbegleiterin begegnet man Familien oft in ihrer verletzlichsten Lebensphase. Den Kindern geht es nicht gut oder andere Menschen machen sich Sorgen um ihr Wohl. Meiner Meinung nach ist es deshalb wichtig, sehr behutsam damit umzugehen und das Gegenüber so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: respektvoll gegenüber Eltern und Kindern, aber gleichzeitig ehrlich in Bezug auf die Sorgen um das Kind.
Nur wenige Menschen tun ihrem Kind absichtlich Unrecht. Meist entstehen schwierige Situationen aus Hilflosigkeit, Überforderung, Unwissenheit, Angst, Sucht oder aus einer Kombination dieser Faktoren.
Zudem ist es nicht die Aufgabe von Familienbegleiterinnen, fertige Lösungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, so anzuknüpfen und Fragen zu stellen, dass Eltern selbst Wege zur Veränderung finden können. Auch wenn wir hauptsächlich mit den Eltern arbeiten, steht das Wohl des Kindes immer an erster Stelle.
Jeder Mensch und jedes Kind befindet sich auf einer Entdeckungsreise zu sich selbst: Wer bin ich? Warum handle ich, wie ich handle? Und was brauche ich wirklich? Genau das macht diese Arbeit so interessant.
Neurodivergenz ein komplexes Thema
Im Buch beschreibe ich viele Familien mit neurodivergenten Kindern und/oder Eltern. Dabei war mir ein neurodiversitätsbejahender Ansatz besonders wichtig – ein Ansatz, bei dem individuelle Bedürfnisse im Vordergrund stehen und nicht die Abweichung von gesellschaftlichen Normen.
Im Verlauf meiner Tätigkeit zeigte sich immer deutlicher, wie wichtig es ist, sich nicht ausschliesslich von Diagnosen leiten zu lassen. Ich durfte zahlreiche Eltern und Kinder begleiten und beobachtete, dass Fehldiagnosen relativ häufig vorkommen oder mehrere Diagnosen gleichzeitig beziehungsweise überschneidend gestellt werden. Besonders auffällig war dies in den Bereichen Hochbegabung, ADS/ADHS und Autismus. Zudem wurde das Thema Hochsensitivität bei vielen Kindern kaum berücksichtigt, da es sich nicht um eine klinisch messbare Diagnose handelt und deshalb im therapeutischen Alltag oft wenig Beachtung findet.
Unabhängig von Diagnosen haben alle Kinder grundlegende Bedürfnisse. Sie brauchen Liebe, Anerkennung, verlässliche Routinen und Rückzugsorte, an denen sie zur Ruhe kommen können – besonders in einer Zeit von Reizüberflutung und hohem Leistungsdruck.
Wichtig war mir auch, dass die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, mit denen wir zusammenarbeiteten, neurologische Unterschiede nicht defizitär betrachteten, sondern menschliche Vielfalt anerkannten. Der Begriff der Neurodiversität gefiel mir deshalb besonders: Diagnosen können hilfreiche Orientierung bieten, sie sind jedoch niemals die absolute Wahrheit über einen Menschen.
Die Rolle der Schulen
Im Buch beschreibe ich immer wieder die Rolle der Schulen sowie die Belastungen, denen Kinder ausgesetzt sind – etwa Mobbing, Schulabsentismus oder Neurodivergenz. Wenn es einem Kind schlecht ging, konnten Lehrpersonen dies häufig frühzeitig erkennen. Auch Schulsozialarbeitende spielen eine wichtige Rolle, insbesondere wenn es um Gefährdungsmeldungen an das Jugendamt in Deutschland oder an die KESB in der Schweiz geht.
Manche Schulen schlugen den Familien eine Begleitung durch unsere Stelle vor, weil sie die Zusammenarbeit mit uns schätzten. So konnten wir das Kind und die Familie gemeinsam unterstützen. Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, um überhaupt lernen zu können. Für mich standen dabei ein offenes, systemisches und transparentes Arbeiten immer im Mittelpunkt.
In einigen Familien konnten Missverständnisse dank einer offenen Kommunikation mit der Schule rasch geklärt werden. Teilweise machte sich die Schule grosse Sorgen um die Situation zu Hause, obwohl die Ursachen der Schwierigkeiten eher im schulischen Umfeld oder in der Peergroup lagen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Schulsozialarbeiterin, die sich mit aussergewöhnlichem Engagement einsetzte. Sie hatte die Fähigkeit, Kinder, Eltern und Schule mit viel Wertschätzung zusammenzubringen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Psychische und körperliche Belastungen in Familien
Wenn Eltern chronisch körperlich oder psychisch erkrankt sind oder an einer Suchterkrankung leiden, gerät oft das gesamte Familiensystem aus dem Gleichgewicht. Im Buch beschreibe ich mehrere Familien, die davon betroffen waren.
Kinder übernehmen in solchen Situationen häufig zu viel Verantwortung und machen sich ständig Sorgen um den Zustand ihrer Eltern. Dieses Thema ist auch in den Niederlanden – obwohl ich die Kultur dort als offener erlebt habe als in der Schweiz – noch immer mit vielen Tabus behaftet. Hinzu kommt, dass Kinder sich oft schuldig fühlen, weil sie die Probleme der Eltern fälschlicherweise mit ihrem eigenen Verhalten in Verbindung bringen.
Deshalb ist es wichtig, Kindern die Krankheit altersgerecht zu erklären und ihnen Unterstützung anzubieten. In den Niederlanden gab es Programme der Psychiatrie, in denen betroffene Kinder die Möglichkeit hatten, sich mit anderen über ihre familiäre Situation und ihre Sorgen auszutauschen. Wenn ein solches Angebot vorhanden ist, kann eine Teilnahme sehr hilfreich sein.
Im Buch erzähle ich unter anderem die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das sich selbst Menschen gesucht hatte, bei denen es Halt und Geborgenheit fand. Es verbrachte viel Zeit bei zwei Nachbarinnen sowie bei der Familie einer Klassenkameradin.
Genau das war zentral im gesamten Begleitprozess: dem Mädchen die Möglichkeit zu geben, ausserhalb des Elternhauses das zu erhalten, was ihm die Mutter zu Hause nicht geben konnte.
Familien mit Migrationserfahrung
Krieg, Armut, politische Verfolgung, wirtschaftliche Unsicherheit und viele weitere Gründe veranlassten Menschen dazu, in die Niederlande zu emigrieren. Der Verlust der vertrauten Kultur sowie die Schwierigkeiten, im neuen Umfeld Anschluss zu finden, führten häufig dazu, dass Eltern selbst in psychische Krisen gerieten oder Mühe hatten, sich im neuen Alltag zurechtzufinden.
Da ich mich schon immer für andere Kulturen interessierte, durfte ich viele dieser Familien begleiten. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass ich selbst Ausländerin war. Diese Arbeit bereitete mir grosse Freude. Sich an eine neue Kultur anzupassen und gleichzeitig die eigene kulturelle Identität zu bewahren, ist eine grosse Herausforderung – selbst für mich, obwohl ich „nur“ von der Schweiz in die Niederlande gezogen war.
Besonders häufig arbeitete ich mit karibischen Niederländerinnen und Niederländern von den Antillen zusammen. Von diesen Familien habe ich viel gelernt, wie ihr im Buch erfahren werdet. Ich erlebte sie als Menschen mit einer entspannten Lebenshaltung, einem starken familiären Zusammenhalt und grossem Stolz auf ihre Kultur sowie ihre Sprache Papiamento.
Trotzdem war die Integration für viele nicht einfach – obwohl sie die niederländische Staatsangehörigkeit besassen. Das konnte ich gut nachvollziehen.
Mütter im Teenageralter begleiten
Die Zahl der Schwangerschaften im Jugendalter ist in den Niederlanden eine der niedrigsten in Europa. Ein möglicher Grund dafür liegt neben der guten Präventions- und Aufklärungsarbeit auch darin, dass die Pille bis zum 18. Lebensjahr kostenlos ist und bis zum 21. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen wird.
Dennoch begleitete ich im Laufe meiner Arbeit einige sehr junge Mütter und Eltern. Die jüngste Mutter, die ich im Buch beschreibe, wurde bereits mit 13 Jahren schwanger. Sie floh von zu Hause und kam in ein Mutter-Kind-Haus. Dort erhielt sie Unterstützung beim Aufbau ihrer Erziehungskompetenzen und konnte gleichzeitig ihre Schulbildung abschliessen.
Kennengelernt habe ich sie, als sie 17 Jahre alt war. Ihr Kind war damals bereits drei Jahre alt, und sie lebte während ihrer Ausbildung wieder bei ihren Eltern. Wir verstanden uns sehr gut, die Zusammenarbeit war bereichernd, und trotz der schwierigen Umstände konnten wir oft miteinander lachen.
Dieses Beispiel zeigt, wie erfolgreich eine solche Begleitung sein kann, wenn eine junge Mutter über persönliche Ressourcen verfügt und ihrem Kind das geben kann, was für dessen Entwicklung entscheidend ist. Meine anfänglichen Vorurteile aufgrund ihres Alters legte ich sehr schnell ab.
Wohlstandsverwahrlosung
Ich begegnete diesem Phänomen bereits während meiner Ausbildung an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Damals arbeitete ich in einem Hort im Zürcher Seefeld, einem Umfeld mit hohem Wohlstand. Viele Kinder lebten dort im materiellen Überfluss, zeigten jedoch Defizite im emotionalen, sozialen und erzieherischen Bereich. Es fehlte nicht an Geschenken, sondern häufig an Struktur, klaren Regeln und Orientierung.
Im Buch beschreibe ich zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Familien, deren Situationen dennoch viele Parallelen aufweisen. Beide besuchten zeitweise keine Schule mehr. Die Eltern für diese Problematik zu sensibilisieren, gelang nur teilweise. Die Beispiele verdeutlichen, wie schwierig es ist, in der Pubertät Versäumtes nachzuholen oder grundlegende Entwicklungen noch zu verändern – insbesondere den Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind.
Kinderrechte
Vor ein paar Tagen habe ich einen Podcast gehört, in dem es unter anderem um Kinderrechte in der Schweiz ging. Dieses Thema begleitet mich, seit ich Mutter bin – also seit 1983. Vielleicht beschäftigt es mich auch deshalb so sehr, weil ich schon als Kind erlebt habe, dass viele Kinder ungerecht behandelt wurden oder keine Stimme hatten.
Heute, im Jahr 2026, gehören die Schweiz und die Niederlande im Bereich der Kinderrechte zu den führenden Ländern. In den Niederlanden ist mir besonders aufgefallen, wie stark die frühkindliche Förderung ausgebaut und staatlich unterstützt wird. In der Schweiz gibt es in diesem Bereich noch Entwicklungspotenzial.
Im Buch beschreibe ich, dass Kinder in den Niederlanden intensiv kinderärztlich untersucht wurden. Zeigten sich Verhaltensauffälligkeiten, konnten sie ab etwa zweieinhalb Jahren in einer medizinischen Tagesstätte betreut werden. Schon während meiner Zeit an der ZHAW erzählte uns eine niederländische Dozentin immer wieder, wie früh solche Themen dort erkannt und ernst genommen werden. Ziel dieser Angebote ist es, die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder zu fördern und ihnen bessere Voraussetzungen für den späteren Schulstart zu geben.
Ich habe viele Familien begleitet, deren Kinder dort betreut wurden. Der Austausch mit den Eltern und den Pädagoginnen war dabei ein wichtiger Teil meiner Arbeit.
Im Buch erzähle ich unter anderem von Zwillingen, die länger als zwei Jahre dort begleitet wurden. Diese Unterstützung war auch deshalb wichtig, weil sie die überforderte Mutter spürbar entlastete.
Mädchen mit Autismus
Im Buch wird der Begriff Autismus 19-mal erwähnt. Die meisten beschriebenen Geschichten betreffen Jungen. Nur einmal geht es um ein Mädchen, und in einem weiteren Fall bestand zunächst die Vermutung, ein Mädchen könnte autistisch sein. Später zeigte sich jedoch, dass das Verhalten von der Schule falsch eingeordnet worden war – es handelte sich schliesslich um einen Transjungen. In einer Weiterbildung lernten wir damals, wie Autismus bei Mädchen besser erkannt werden kann.
In dieser Zeit war ich mit einer etwa 70-jährigen Frau befreundet. Ihre Enkelin hatte bereits mit drei Jahren eine Autismusdiagnose erhalten. Dadurch erkannte sie, dass sowohl ihr Sohn als auch ihr damaliger Ehemann ähnliche Merkmale zeigten. Bei der kleinen Enkelin war der Autismus noch deutlich sichtbar, weil sie in diesem Alter noch keine Strategien entwickelt hatte, um Auffälligkeiten zu überdecken. Ihr Sohn erhielt später mit 40 Jahren ebenfalls eine Diagnose. Ihr Ex-Mann wollte sich zwar nicht testen lassen, sah sich aber selbst im Autismus-Spektrum.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es in der Familienbegleitung manchmal Fachpersonen braucht, die für bestimmte Themen noch vertiefter ausgebildet sind.
Verändert hat sich in den letzten Jahren, dass Mädchen heute häufiger diagnostiziert werden. Das liegt einerseits daran, dass das Wissen über Autismus gewachsen ist, und andererseits daran, dass insgesamt mehr Diagnosen gestellt werden.
Damit stellt sich für mich erneut eine grundsätzliche Frage: Betrachten wir Autismus vor allem aus einer medizinischen Perspektive als Entwicklungsstörung, oder verstehen wir ihn eher als Ausdruck von Neurodivergenz – also als natürliche neurologische Variante? Diese Frage bleibt offen und wichtig zugleich.
Genderidentität
Auch wenn dies eher selten vorkam, hatte ich bei einer Jugendlichen, die ich begleitete, den Eindruck, dass sie möglicherweise trans sein könnte. Es handelte sich um dieselbe Jugendliche, bei der die Schule zunächst Autismus vermutet hatte. Im Vordergrund standen jedoch vor allem die belastete Beziehung zu den Eltern, selbstverletzendes Verhalten und grosse Unsicherheit.
Um 2012 wurde das Thema Transidentität in den Medien vermehrt sichtbar. Für mich war es das erste Mal, dass ich in einer Begleitung eine solche Vermutung hatte. Ich fragte die Systemtherapeutin, ob es einen Film oder anderes Material gebe, das das Thema verständlich erklärt. Meine Idee war, dieses zunächst mit den Eltern und später mit der Jugendlichen anzuschauen. Den kurzen Film besprach ich zuerst mit der Therapeutin und fragte danach die Mutter, ob ich ihn ihr zeigen dürfe. Den Vater wollten wir zu einem späteren Zeitpunkt in das Gespräch einbeziehen.
Die Mutter begann zu weinen und erzählte mir, dass ihre Tochter schon mit fünf Jahren gesagt habe, sie wolle anders heissen – mit einem Jungennamen. Die Mutter versuchte damals, wie sie selbst sagte, alles zu tun, damit das Kind nicht auf solche Gedanken komme. Als wir den Film gemeinsam anschauten, war das für beide sehr konfrontierend. Beide weinten, und die Jugendliche sagte: «Mama, ich wusste das schon, als ich klein war, aber du hast mir nie zugehört.»
In dieser Geschichte verwende ich im weiteren Verlauf die männliche Form, weil sie der Geschlechtsidentität des Jugendlichen entspricht.
Ich habe diese Familie zwei Jahre lang begleitet und dabei viel über Genderidentität, Zuhören und das behutsame Ansprechen sensibler Themen gelernt.
Selbstfürsorge als wichtige Präventivmassnahme
Selbstfürsorge ist eine zentrale Voraussetzung für eine langfristig tragfähige Arbeit in der Familienbegleitung und in anderen sozialen Berufen. Wer mit Menschen arbeitet, investiert viel Energie in Beziehungen, Gespräche und Unterstützung. Gerade deshalb ist es wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und gut für sich zu sorgen.
Selbstfürsorge schützt vor chronischem Stress und Burnout. In meinem beruflichen Umfeld habe ich mehrfach erlebt, wie Kolleginnen ausfielen, weil sie Warnsignale über längere Zeit übergangen hatten. Nach einem Burnout brauchten sie oft viel Zeit, um sich zu erholen, und mussten ihr Berufs- und Privatleben neu ordnen.
Ich habe es sehr geschätzt, dass unsere Organisation Schulungen, Supervisionen und Intervisionen angeboten hat. Diese Angebote förderten einen offenen Umgang mit Belastungen und stärkten den Austausch im Team. Dadurch entstand eine aufmerksamere Kultur: Wir fragten einander öfter, wie es uns ging, und sprachen Sorgen früher an, wenn jemand Unterstützung brauchte. Hast du heute schon jemanden gefragt im Team wie es geht?
Begleitung von Vätern
Während meiner Arbeit als Familienbegleiterin wurde mir deutlich, dass die Begleitung von Vätern sich in mancher Hinsicht von der Begleitung von Müttern unterscheidet. Besonders bewusst wurde mir das in einer Phase, in der ich acht alleinerziehende Väter gleichzeitig begleitete. Diese Situation forderte von mir einen Perspektivenwechsel, den ich im Rückblick als sehr bereichernd erlebt habe.
Zu Beginn der Begleitungen fiel es mir teilweise schwer, mit dem eher autoritären Stil mancher Väter und ihrer direkten Lösungsorientierung umzugehen. Gleichzeitig wurde schnell deutlich, dass die Gespräche oft praktischer ausgerichtet sein mussten und andere Erziehungsthemen im Vordergrund standen. Viele Väter wünschten sich eine klare, kurze und zielorientierte Kommunikation. Sie wollten konkrete Lösungswege und rasch zum Wesentlichen kommen.
Auch in der Beziehungsgestaltung mit ihren Kindern zeigten sich oft andere Schwerpunkte. Viele Väter nutzten körperliche Nähe, gemeinsames Spielen im Freien und Humor, um Beziehung aufzubauen. Ich habe die Arbeit mit diesen Vätern sehr geschätzt und viel von ihnen gelernt – vieles davon wird auch in den Geschichten meines Buches sichtbar.
Flucht aus Syrien
Eine Freundin, die viele Geschichten aus meinem Buch gelesen und mir Rückmeldung gegeben hat, fand diesen Abschnitt besonders stimmig. Und ja: Manchmal läuft es, wie man in den Niederlanden sagt, «op rolletjes» – oder in der Schweiz «wie am Schnürli».
Ich begleitete diese syrische Familie mit zwei kleinen Kindern im Rahmen eines freiwilligen Angebots. Die Familie war vor dem Bürgerkrieg geflohen und wuchs mir schnell ans Herz. Während der Begleitung fühlte ich stark mit ihnen mit. Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil die Familie auf der Flucht sehr Belastendes erlebt hatte und zugleich über bemerkenswerte Ressourcen verfügte. Gerade diese innere Stärke trug dazu bei, dass sich keine posttraumatische Belastungsstörung entwickelte.
Besonders wichtig war die Aufnahme des dreijährigen Jungen in eine Spielgruppe. Dort konnte er Kontakt zu Gleichaltrigen knüpfen, soziale Kompetenzen entwickeln und erste Erfahrungen mit der niederländischen Sprache sammeln – eine wichtige Vorbereitung auf den Schuleintritt. Gleichzeitig wurde die Mutter dadurch spürbar entlastet. Ein zentrales Thema der Begleitung war ausserdem die Integration der Familie in die niederländische Gesellschaft. In vielen Gesprächen sprachen wir über Unterschiede in Verhaltensregeln und gesellschaftlichen Erwartungen zwischen den beiden Ländern, wie ich es auch im Buch beschreibe.
Konfliktscheidungen
Diese Familien wurden mir häufig zugeteilt, weil ich mir aufgrund eigener Lebenserfahrung, einer persönlichen Erfahrung mit Mediation im Zusammenhang mit meiner Scheidung sowie vieler Beobachtungen im Familien- und Freundeskreis zutraute, sie zu begleiten. Besonders bewegt hat mich, wie stark Kinder unter anhaltenden Elternkonflikten leiden können: Manche stagnierten in ihrer Entwicklung, reagierten aggressiv, zogen sich zurück oder zeigten depressive Symptome. Deshalb war es zentral, den Eltern aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Kinder aus ihren Konflikten herauszuhalten, damit sie nicht in Loyalitätskonflikte geraten oder Schuldgefühle entwickeln.
Unsere Organisation hatte einige Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in Mediation ausgebildet. Dadurch konnten Eltern zunächst während einiger Wochen moderierte Gespräche führen, was die Situation oft spürbar entspannte. Erst danach setzte ich die Begleitung in den Familien fort.
Eine Kollegin beschreibt im Buch sehr treffend: Eine besondere Herausforderung war für sie das Erleben von Ungerechtigkeit – etwa dann, wenn Eltern einander den Kontakt zum eigenen Kind verwehren und diesen mit allen Mitteln behindern. Die damit verbundene Trauer und Ohnmacht seien schwer auszuhalten gewesen. Dennoch habe sie versucht, realistisch und ehrlich zu bleiben und gemeinsam mit den Betroffenen nach Wegen zu suchen, die einem Elternteil noch offenstehen.
Armut kann jeden treffen
Wie in der Schweiz oder in Deutschland sind auch in den Niederlanden Familien von Armut betroffen. Häufige Ursachen, die ich in meiner Arbeit erlebt habe, waren Alleinerziehende, niedriges Erwerbseinkommen im Sinn von Working Poor, Arbeitslosigkeit oder eine unsichere selbstständige Erwerbstätigkeit.
Dass Eltern Mühe hatten, grundlegende Bedürfnisse wie angemessene Kleidung, ausreichende Ernährung oder passenden Wohnraum zu finanzieren, war keine Seltenheit.
Viele dieser Familien waren zusätzlich mit Ausgrenzung, Überforderung und gesundheitlichen Belastungen konfrontiert – es sei denn, sie verfügten über ein tragfähiges Netzwerk und grosse Resilienz. Beeindruckt hat mich, wie manche Eltern trotz knapper Mittel für ihre Kinder gesunde Mahlzeiten zubereiteten und mit sehr begrenzten Ressourcen umsichtig umgingen. In den Niederlanden konnten Kinder dank eines Fonds dennoch ein Hobby ausüben. Das war aus meiner Sicht besonders wichtig, weil solche Angebote die Resilienz von Kindern aus belasteten Familien stärken.
Im Buch beschreibe ich die musikalische Begabung eines 14-jährigen Mädchens. Sie sang Lieder von Adele mit einer Ausdruckskraft, die mich tief beeindruckte. Das Singen war für sie ein wichtiges Ventil, weil sie mit vielen Problemen belastet war und zu Hause nur wenig Anerkennung erhielt. Um ihre Stärke gezielt zu fördern, konnte sie mithilfe eines Fonds Gesangsstunden besuchen. Ein Auftritt in der Schule stärkte zusätzlich ihr Selbstbewusstsein – besonders, weil ihre schulischen Leistungen insgesamt eher schwach waren. So konnte sie zeigen, dass in ihr eine besondere Fähigkeit steckt: das Singen.
Achtsames Team
In den zwölf Jahren, in denen ich zahlreiche Familienbegleiterinnen kennenlernen durfte, habe ich sie stets als ausgesprochen empathische und wertschätzende Menschen erlebt. Im Kontakt mit den begleiteten Familien begegneten sie allen Beteiligten meistens vorurteilsfrei, respektvoll und mit grosser Offenheit.
Als ich mein Team im Buch beschrieb, wurde mir bewusst, wie stark unsere Haltung mit Achtsamkeit verbunden ist. Achtsamkeit bedeutet weit mehr, als nur im Moment zu sein. Sie prägt die Art, wie wir Menschen begegnen und wie wir gemeinsam arbeiten.
Zu dieser achtsamen Haltung gehören für mich insbesondere:
- gegenseitiges Vertrauen
- Präsenz im Kontakt
- eine nicht urteilende Haltung
- Geduld in der Begleitung
- eine Nichtwissende Haltung im Sinne des Anfängergeists
- Akzeptanz von Situationen, wie sie sind
- die Fähigkeit, loszulassen, was wir nicht verändern können
- die Anerkennung individueller Entscheidungen
- ein respektvolles und offenes Arbeitsklima
Eine besondere Stärke meiner Teamkolleginnen war ihre ausgeprägte Resilienz. Dank ihrer psychischen Stabilität konnten sie auch in belastenden Situationen ruhig, präsent und handlungsfähig bleiben. Gleichzeitig verfügten sie über eine grosse Sensibilität, mit der sie selbst feine Signale wahrnahmen und auf Bedürfnisse eingehen konnten. Dazu kam ein gemeinsamer Sinn für Humor, der uns half, auch schwierige Momente mit den Familien tragbar zu machen.
Im Buch lasse ich einige Kolleginnen selbst zu Wort kommen, damit sie beschreiben können, was ihnen in der Begleitung besonders wichtig ist. Mit vielen fühle ich mich noch verbunden und mit einigen ist eine Freundschaft entstanden.
Bindung als Grundlage der Begleitung
Für alle, die mit Menschen arbeiten, ist Bindung ein zentrales Thema. Auch in der Familienbegleitung begegneten uns Bindungsstile, Bindungsprobleme und der Umgang damit immer wieder. Deshalb nahmen wir im Rahmen unserer Arbeit an mehreren Weiterbildungen zu Bindung und Bindungsstörungen teil.
Diese Weiterbildungen waren für die Praxis sehr hilfreich. Besonders bedeutsam waren sie, weil viele der begleiteten Familien sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern mit Bindungsthemen konfrontiert waren. Die Erkenntnisse halfen uns, die unterschiedlichen Bindungsstile besser zu verstehen und gezielter auf die individuellen Bedürfnisse der Familien einzugehen.
Bindung beginnt bereits sehr früh und ist für die Entwicklung eines Kindes lebenswichtig. Gleichzeitig ist es nie zu spät, an Bindungserfahrungen zu arbeiten. Neue verlässliche Beziehungen können Sicherheit vermitteln, Vertrauen fördern und Entwicklungsprozesse positiv beeinflussen.
Besonders eindrücklich war für mich die Erkenntnis, dass sich Pflegekinder trotz früher Belastungen gut entwickeln können, weil Bindungsprozesse nicht von Anfang an abgeschlossen sind. Auch bei Rückführungen zu den leiblichen Eltern wurden die Prognosen in den letzten Jahren positiver eingeschätzt als früher. Einige dieser Erfahrungen beschreibe ich im Buch anhand konkreter Familiengeschichten.
Umgang mit Tod und Trauer
Immer wieder begleiteten wir Familien, die ein Familienmitglied durch den Tod verloren hatten. Besonders prägend war für mich die Anfrage einer Schule: Ein Junge befand sich in einer sehr belastenden Situation, weil seine Mutter seit zwei Jahren schwer krank war. Um meine fachlichen Kompetenzen in diesem Bereich zu vertiefen, besuchte ich einen Kurs und setzte mich intensiv mit Fachliteratur zu Trauer, Verlust und Begleitung auseinander.
Bei meinem ersten Besuch wartete der Vater im Garten auf mich. Zunächst sollte ich die Mutter kennenlernen. Sie lag erschöpft und geschwächt am offenen Fenster, hielt meine Hand fest und sagte: «Ich bin froh, dass du hier bist, jetzt kann ich gehen.» Ich wusste damals nicht, wie schwer krank sie bereits war. Gleichzeitig berührte mich das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte, obwohl wir uns nicht kannten. Ich versprach ihr, den Vater, den Jungen und seine Geschwister zu unterstützen.
In der Begleitung dieser Familie standen mehrere Aspekte im Vordergrund:
- alle Phasen der Trauer zulassen und ernst nehmen
- unterstützende Personen wie Grosseltern, Familie und Freunde einbeziehen
- mit einer Therapeutin zusammenarbeiten, die mit dem Jungen ein Trauerbuch gestaltete
- die Gefühle der Kinder – etwa Angst, Aggression oder Rückzug – annehmen, ohne sie zu bewerten
Diese Geschichte berührt mich bis heute. Die Mutter starb nur wenige Stunden nach unserem ersten Treffen. Sie hatte vieles vorbereitet, und der Vater begleitete die drei Kinder sehr umsichtig durch den Trauerprozess.
Persönliches Teilen schafft Vertrauen
Ich habe meine eigene Biografie auf einigen Seiten beschrieben, weil Leserinnen und Leser vielleicht wissen möchten, wer ich bin und welche Erfahrungen mich geprägt haben. Mir selbst geht es ähnlich: Wenn ich ein Buch lese oder einen Film sehe, interessiert mich oft auch der Mensch hinter der Geschichte.
Auch in der Familienbegleitung kann das Teilen persönlicher Erfahrungen ein wichtiges Werkzeug sein. Es kann Vertrauen fördern, Nähe ermöglichen und Begegnungen auf Augenhöhe unterstützen. Wenn wir uns in einem angemessenen Rahmen selbst zeigen, fällt es Familien oft leichter, sich zu öffnen.
Diese Erfahrung machte ich auch früher in Elternkursen. Es war hilfreich, ehrlich über eigene Schwierigkeiten, Grenzen oder Strategien zu sprechen. Gerade in sozialen Berufen haben wir eine Vorbildfunktion: Menschen schätzen es, wenn ihnen jemand gegenübersteht, der echt, reflektiert und authentisch ist.
Wichtig bleibt dabei: Der Fokus liegt immer bei der Familie und ihren Bedürfnissen.
Humor hilft fast immer
Was ich an den Niederlanden besonders schätze, ist der Humor. Meine Teamkolleginnen wussten, dass ich mich zuerst daran gewöhnen musste. Gleichzeitig genoss ich sehr, wie oft wir gemeinsam lachen konnten. Manchmal verstand ich die Pointe nicht einmal, lachte aber einfach mit. Wenn mich dann jemand fragte, ob ich den Witz verstanden hätte, konnte ich ehrlich sagen: «Nein, aber euer Lachen ist ansteckend.»
Wie ich in den Geschichten im Buch beschreibe, spielte Humor auch in der Arbeit mit Familien eine wichtige Rolle. Er half, das Eis zu brechen und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Gerade in angespannten oder belastenden Situationen konnte gemeinsames Lachen einen Moment der Entlastung ermöglichen und etwas Abstand zu den Schwierigkeiten schaffen.
Einmal setzte sich ein Vater beim Erstgespräch so dicht neben mich, dass ich mich beinahe erdrückt fühlte. Ich fragte ihn deshalb direkt: «Magst du es gerne so nah, oder willst du testen, ob ich Angst vor dir habe?» Der Beistand bekam einen Lachanfall, weil er die Situation so komisch fand. Der Vater antwortete ehrlich: «Ja, ich wollte dich testen.»
Humor baute nicht nur Skepsis und Unsicherheit ab, sondern förderte auch das gegenseitige Verständnis und erleichterte die Zusammenarbeit. So wurde er immer wieder zu einer Brücke, die es trotz belastender Umstände ermöglichte, gemeinsam einen Schritt weiterzugehen. Wann hast du zum letzten Mal in deiner Arbeit gelacht?
Emigrieren und arbeiten
Nach zweieinhalb Jahren Fernbeziehung entschied ich mich, in die Niederlande auszuwandern. Schon einige Monate vor dem Umzug begann ich, Niederländisch zu lernen, weil wir beschlossen hatten, im Alltag nur noch Niederländisch und nicht mehr Englisch zu sprechen. Die offene, unkomplizierte und humorvolle Kultur erleichterte mir das Ankommen und liess mich schnell heimisch werden.
Für das erste Jahr nahm ich mir vor, mich vor allem auf den Spracherwerb und auf Freiwilligenarbeit zu konzentrieren. Ich begleitete zwei Patientinnen oder Patienten aus der Psychiatrie, was für mich eine wertvolle Vorbereitung auf meine spätere Arbeit war. Am meisten half mir mein echtes Interesse an der Sprache: Ich wollte mich schnell integrieren, einfach sprechen und Fehler machen. Zum Glück fiel mir genau das leicht, wie ihr das im Buch lesen könnt.
Was mir bei der Arbeit besonders half, war der lösungsorientierte Ansatz – vor allem die Haltung des «Nichtwissens». Am Anfang verstand ich sprachlich nicht immer alles sofort. Deshalb mussten Klientinnen und Klienten ihre Gedanken manchmal wiederholen oder anders erklären. Genau das wirkte oft bereits klärend: Sie hörten sich selbst noch einmal, ordneten ihre Worte neu und kamen dadurch manchmal einen Schritt weiter.
Rückkehr und neues Berufsfeld im Jugendheim
Der Umzug in die Schweiz fiel mitten in die Anfangszeit der Corona-Pandemie. In dieser Phase konnte ich glücklicherweise vorübergehend bei meinem Bruder wohnen, der gerade eine freie Wohnung hatte. Zwei Monate lang lebte ich dort, bis ich eine passende Stelle und eine eigene Wohnung fand.
Wie anspruchsvoll dieser Neustart werden würde, war mir damals noch nicht bewusst. Mit 60 Jahren eine neue Stelle zu finden und zugleich meinen Wunsch nach stationärer Arbeit umzusetzen, war rückblickend nicht einfach. Schliesslich begann ich in einem Jugendheim zu arbeiten, wo ich vier Jahre tätig war, bevor ich 2024 in den Ruhestand trat.
Meine Erfahrung als Familienbegleiterin half mir besonders im Umgang mit den Kolleginnen und den Jugendlichen. Entscheidend war dabei vor allem die Haltung, die mich in der Familienbegleitung geprägt hatte: auf Augenhöhe begegnen, respektvoll und empathisch bleiben, authentisch handeln und möglichst nicht urteilen.
Die Arbeit auf der Wohngruppe war in vielerlei Hinsicht herausfordernd. Der Alltag mit dissozialen Jugendlichen verlangte emotional wie körperlich ein hohes Mass an Belastbarkeit. Besonders die langen Dienste kosteten viel Energie. Gleichzeitig war ich dankbar, in einer gut organisierten Institution tätig zu sein, die traumatherapeutische Ansätze ernst nahm. Offenheit für neue Ideen und die Förderung von Selbstfürsorge waren dort keine Schlagworte, sondern gelebte Werte im Arbeitsalltag. Wie gut wird in deiner Arbeit für die Selbstfürsorge der Mitarbeitenden gesorgt?
Methodisch arbeiten ist wichtig
Methodisches Arbeiten ist in der Familienbegleitung von grosser Bedeutung. Es hilft, komplexe Familiendynamiken strukturiert zu erfassen und nachhaltige Veränderungen zu unterstützen. Neben dem lösungsorientierten und systemischen Ansatz arbeiteten wir auch mit weiteren Methoden, etwa kompetenzorientiert. Dabei wurden die Fähigkeiten der Eltern gezielt gestärkt und die Erziehungsunterstützung bewusst in den Mittelpunkt gestellt.
Auch Psychoedukation spielte eine wichtige Rolle: Eltern wurden über Verhaltensauffälligkeiten, psychische Belastungen oder Entwicklungsphasen ihrer Kinder informiert. Ergänzt wurde dieses methodische Repertoire durch familientherapeutische Techniken und das bewusste Einüben neuer Verhaltensweisen. Im Buch beschreibe ich auf über 70 Seiten die Ansätze, die ich für besonders wichtig halte – in einer Sprache, die auch für Menschen ausserhalb des sozialen Bereichs gut verständlich ist.
So wichtig methodisches Arbeiten ist: Im Mittelpunkt bleibt die Beziehungsarbeit. Entscheidend ist, sich Zeit zu nehmen und Klientinnen, Klienten oder ganze Familien in ihrem eigenen Tempo zu begleiten.
Die Rolle von Pflegeeltern
Pflegeeltern übernehmen eine zentrale Aufgabe für Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können. In meinem Buch beschreibe ich mehrere Familiengeschichten, die zeigen, wie anspruchsvoll und bedeutsam diese Rolle ist. Besonders eindrücklich war für mich ein Einsatz in der Pflegeelternbegleitung, der deutlich machte, wie viele Erwartungen, Spannungen und Loyalitätsfragen in solchen Situationen zusammenkommen können.
In diesem Fall ging es um einen neunjährigen Jungen aus der Stadt, der bei streng christlichen Pflegeeltern auf dem Land lebte. Die Pflegemutter korrigierte und kritisierte ihn häufig. Gleichzeitig wurde von ihm erwartet, dass er sich vollständig an die Regeln der Familie anpasste. Erschwerend kam hinzu, dass die Pflegeeltern den leiblichen Eltern gegenüber sehr kritisch eingestellt waren.
Diese Dynamik führte immer wieder zu Gesprächen darüber, was der Junge für seine soziale und emotionale Entwicklung brauchte. Ich erklärte der Pflegemutter, dass Kritik möglichst durch positive Rückmeldungen ausgeglichen werden sollte. Auch der Vorschlag, stärker mit Ich-Botschaften, statt mit Du-Botschaften zu arbeiten, stiess bei ihr auf Ablehnung. Dadurch wurde unsere Zusammenarbeit zunehmend belastet, und der Widerstand mir gegenüber wuchs.
Trotz dieser Spannungen hielt ich daran fest, dass das Wohl des Kindes und seine Entwicklung im Mittelpunkt stehen mussten. Mit der Zeit nahm der Verlauf eine positive Wendung. Unter anderem veränderte die Geburt eines Babys die Familienkonstellation: Der Fokus der Pflegemutter richtete sich stärker auf das Baby, und der Junge bekam dadurch mehr Freiraum.
Eine der grössten Herausforderungen für Pflegeeltern besteht darin, die leiblichen Eltern nicht abzuwerten und dem gesamten Familiensystem gegenüber loyal zu bleiben. Gerade diese Haltung kann für das Kind entscheidend sein, weil es sich nicht zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten entscheiden muss.
