Einblicke in die Familienbegleitung
Jede Familie ist anders
Jetzt, nachdem das Buch erschienen ist, werde ich in den kommenden Monaten verschiedene Themen daraus aufgreifen und näher erläutern.
Jede Familie, die ich begleiten durfte, brachte ihre eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Herausforderungen mit. Deshalb war auch jede Begleitung anders. Entsprechend individuell mussten die Lösungswege gestaltet werden.
Im Zentrum unserer Arbeit stand stets die Hilfe zur Selbsthilfe. Anstatt fertige Lösungen vorzugeben, begleiteten wir die Eltern dabei, durch reflektierende und lösungsorientierte Fragen eigene Strategien für Veränderungen zu entwickeln. Besonders wichtig war es, alle Beteiligten einzubeziehen und Veränderungen gemeinsam anzugehen. Nur so konnte ein nachhaltiger Veränderungsprozess entstehen.
Von grosser Bedeutung waren zudem tragfähige Netzwerke. Diese konnten aus Verwandten, Freunden, Fachpersonen oder Institutionen bestehen. Für viele Familien stellten sie eine wichtige Ressource dar – wie du bereits weisst oder im Buch anhand vieler Geschichten lesen kannst.
Begegnung auf Augenhöhe
Während ich in den letzten Monaten an diesem Buch schrieb, tauschte ich mich immer wieder mit früheren Arbeitskolleginnen aus. Dabei wurde mir erneut bewusst, wie ähnlich unsere Haltung bis heute ist.
Respekt, Empathie und Echtheit waren sowohl im Team als auch in der Arbeit mit den Familien die wichtigsten Werte. Wir versuchten, diese Haltung im Alltag konsequent zu leben. Dadurch konnten auch schwierige Themen konstruktiv angesprochen und nachhaltig bearbeitet werden.
Eine ehemalige Kollegin hat diese Haltung im Buch besonders treffend beschrieben:
Als Familienbegleiterin begegnet man Familien oft in ihrer verletzlichsten Lebensphase. Den Kindern geht es nicht gut oder andere Menschen machen sich Sorgen um ihr Wohl. Meiner Meinung nach ist es deshalb wichtig, sehr behutsam damit umzugehen und das Gegenüber so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: respektvoll gegenüber Eltern und Kindern, aber gleichzeitig ehrlich in Bezug auf die Sorgen um das Kind.
Nur wenige Menschen tun ihrem Kind absichtlich Unrecht. Meist entstehen schwierige Situationen aus Hilflosigkeit, Überforderung, Unwissenheit, Angst, Sucht oder aus einer Kombination dieser Faktoren.
Zudem ist es nicht die Aufgabe von Familienbegleiterinnen, fertige Lösungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, so anzuknüpfen und Fragen zu stellen, dass Eltern selbst Wege zur Veränderung finden können. Auch wenn wir hauptsächlich mit den Eltern arbeiten, steht das Wohl des Kindes immer an erster Stelle.
Jeder Mensch und jedes Kind befindet sich auf einer Entdeckungsreise zu sich selbst: Wer bin ich? Warum handle ich, wie ich handle? Und was brauche ich wirklich? Genau das macht diese Arbeit so interessant.
Neurodivergenz ein komplexes Thema
Im Buch beschreibe ich viele Familien mit neurodivergenten Kindern und/oder Eltern. Dabei war mir ein neurodiversitätsbejahender Ansatz besonders wichtig – ein Ansatz, bei dem individuelle Bedürfnisse im Vordergrund stehen und nicht die Abweichung von gesellschaftlichen Normen.
Im Verlauf meiner Tätigkeit zeigte sich immer deutlicher, wie wichtig es ist, sich nicht ausschliesslich von Diagnosen leiten zu lassen. Ich durfte zahlreiche Eltern und Kinder begleiten und beobachtete, dass Fehldiagnosen relativ häufig vorkommen oder mehrere Diagnosen gleichzeitig beziehungsweise überschneidend gestellt werden. Besonders auffällig war dies in den Bereichen Hochbegabung, ADS/ADHS und Autismus. Zudem wurde das Thema Hochsensitivität bei vielen Kindern kaum berücksichtigt, da es sich nicht um eine klinisch messbare Diagnose handelt und deshalb im therapeutischen Alltag oft wenig Beachtung findet.
Unabhängig von Diagnosen haben alle Kinder grundlegende Bedürfnisse. Sie brauchen Liebe, Anerkennung, verlässliche Routinen und Rückzugsorte, an denen sie zur Ruhe kommen können – besonders in einer Zeit von Reizüberflutung und hohem Leistungsdruck.
Wichtig war mir auch, dass die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, mit denen wir zusammenarbeiteten, neurologische Unterschiede nicht defizitär betrachteten, sondern menschliche Vielfalt anerkannten. Der Begriff der Neurodiversität gefiel mir deshalb besonders: Diagnosen können hilfreiche Orientierung bieten, sie sind jedoch niemals die absolute Wahrheit über einen Menschen.
Die Rolle der Schulen
Im Buch beschreibe ich immer wieder die Rolle der Schulen sowie die Belastungen, denen Kinder ausgesetzt sind – etwa Mobbing, Schulabsentismus oder Neurodivergenz. Wenn es einem Kind schlecht ging, konnten Lehrpersonen dies häufig frühzeitig erkennen. Auch Schulsozialarbeitende spielen eine wichtige Rolle, insbesondere wenn es um Gefährdungsmeldungen an das Jugendamt in Deutschland oder an die KESB in der Schweiz geht.
Manche Schulen schlugen den Familien eine Begleitung durch unsere Stelle vor, weil sie die Zusammenarbeit mit uns schätzten. So konnten wir das Kind und die Familie gemeinsam unterstützen. Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, um überhaupt lernen zu können. Für mich standen dabei ein offenes, systemisches und transparentes Arbeiten immer im Mittelpunkt.
In einigen Familien konnten Missverständnisse dank einer offenen Kommunikation mit der Schule rasch geklärt werden. Teilweise machte sich die Schule grosse Sorgen um die Situation zu Hause, obwohl die Ursachen der Schwierigkeiten eher im schulischen Umfeld oder in der Peergroup lagen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Schulsozialarbeiterin, die sich mit aussergewöhnlichem Engagement einsetzte. Sie hatte die Fähigkeit, Kinder, Eltern und Schule mit viel Wertschätzung zusammenzubringen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Psychische und körperliche Belastungen in Familien
Wenn Eltern chronisch körperlich oder psychisch erkrankt sind oder an einer Suchterkrankung leiden, gerät oft das gesamte Familiensystem aus dem Gleichgewicht. Im Buch beschreibe ich mehrere Familien, die davon betroffen waren.
Kinder übernehmen in solchen Situationen häufig zu viel Verantwortung und machen sich ständig Sorgen um den Zustand ihrer Eltern. Dieses Thema ist auch in den Niederlanden – obwohl ich die Kultur dort als offener erlebt habe als in der Schweiz – noch immer mit vielen Tabus behaftet. Hinzu kommt, dass Kinder sich oft schuldig fühlen, weil sie die Probleme der Eltern fälschlicherweise mit ihrem eigenen Verhalten in Verbindung bringen.
Deshalb ist es wichtig, Kindern die Krankheit altersgerecht zu erklären und ihnen Unterstützung anzubieten. In den Niederlanden gab es Programme der Psychiatrie, in denen betroffene Kinder die Möglichkeit hatten, sich mit anderen über ihre familiäre Situation und ihre Sorgen auszutauschen. Wenn ein solches Angebot vorhanden ist, kann eine Teilnahme sehr hilfreich sein.
Im Buch erzähle ich unter anderem die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das sich selbst Menschen gesucht hatte, bei denen es Halt und Geborgenheit fand. Es verbrachte viel Zeit bei zwei Nachbarinnen sowie bei der Familie einer Klassenkameradin.
Genau das war zentral im gesamten Begleitprozess: dem Mädchen die Möglichkeit zu geben, ausserhalb des Elternhauses das zu erhalten, was ihm die Mutter zu Hause nicht geben konnte.
Familien mit Migrationserfahrung
Krieg, Armut, politische Verfolgung, wirtschaftliche Unsicherheit und viele weitere Gründe veranlassten Menschen dazu, in die Niederlande zu emigrieren. Der Verlust der vertrauten Kultur sowie die Schwierigkeiten, im neuen Umfeld Anschluss zu finden, führten häufig dazu, dass Eltern selbst in psychische Krisen gerieten oder Mühe hatten, sich im neuen Alltag zurechtzufinden.
Da ich mich schon immer für andere Kulturen interessierte, durfte ich viele dieser Familien begleiten. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass ich selbst Ausländerin war. Diese Arbeit bereitete mir grosse Freude. Sich an eine neue Kultur anzupassen und gleichzeitig die eigene kulturelle Identität zu bewahren, ist eine grosse Herausforderung – selbst für mich, obwohl ich „nur“ von der Schweiz in die Niederlande gezogen war.
Besonders häufig arbeitete ich mit karibischen Niederländerinnen und Niederländern von den Antillen zusammen. Von diesen Familien habe ich viel gelernt, wie ihr im Buch erfahren werdet. Ich erlebte sie als Menschen mit einer entspannten Lebenshaltung, einem starken familiären Zusammenhalt und grossem Stolz auf ihre Kultur sowie ihre Sprache Papiamento.
Trotzdem war die Integration für viele nicht einfach – obwohl sie die niederländische Staatsangehörigkeit besassen. Das konnte ich gut nachvollziehen.
Mütter im Teenageralter begleiten
Die Zahl der Schwangerschaften im Jugendalter ist in den Niederlanden eine der niedrigsten in Europa. Ein möglicher Grund dafür liegt neben der guten Präventions- und Aufklärungsarbeit auch darin, dass die Pille bis zum 18. Lebensjahr kostenlos ist und bis zum 21. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen wird.
Dennoch begleitete ich im Laufe meiner Arbeit einige sehr junge Mütter und Eltern. Die jüngste Mutter, die ich im Buch beschreibe, wurde bereits mit 13 Jahren schwanger. Sie floh von zu Hause und kam in ein Mutter-Kind-Haus. Dort erhielt sie Unterstützung beim Aufbau ihrer Erziehungskompetenzen und konnte gleichzeitig ihre Schulbildung abschliessen.
Kennengelernt habe ich sie, als sie 17 Jahre alt war. Ihr Kind war damals bereits drei Jahre alt, und sie lebte während ihrer Ausbildung wieder bei ihren Eltern. Wir verstanden uns sehr gut, die Zusammenarbeit war bereichernd, und trotz der schwierigen Umstände konnten wir oft miteinander lachen.
Dieses Beispiel zeigt, wie erfolgreich eine solche Begleitung sein kann, wenn eine junge Mutter über persönliche Ressourcen verfügt und ihrem Kind das geben kann, was für dessen Entwicklung entscheidend ist. Meine anfänglichen Vorurteile aufgrund ihres Alters legte ich sehr schnell ab.
Wohlstandsverwahrlosung
Ich begegnete diesem Phänomen bereits während meiner Ausbildung an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Damals arbeitete ich in einem Hort im Zürcher Seefeld, einem Umfeld mit hohem Wohlstand. Viele Kinder lebten dort im materiellen Überfluss, zeigten jedoch Defizite im emotionalen, sozialen und erzieherischen Bereich. Es fehlte nicht an Geschenken, sondern häufig an Struktur, klaren Regeln und Orientierung.
Im Buch beschreibe ich zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Familien, deren Situationen dennoch viele Parallelen aufweisen. Beide besuchten zeitweise keine Schule mehr. Die Eltern für diese Problematik zu sensibilisieren, gelang nur teilweise. Die Beispiele verdeutlichen, wie schwierig es ist, in der Pubertät Versäumtes nachzuholen oder grundlegende Entwicklungen noch zu verändern – insbesondere den Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind.
Kinderrechte
Vor ein paar Tagen habe ich einen Podcast gehört, in dem es unter anderem um Kinderrechte in der Schweiz ging. Dieses Thema begleitet mich, seit ich Mutter bin – also seit 1983. Vielleicht beschäftigt es mich auch deshalb so sehr, weil ich schon als Kind erlebt habe, dass viele Kinder ungerecht behandelt wurden oder keine Stimme hatten.
Heute, im Jahr 2026, gehören die Schweiz und die Niederlande im Bereich der Kinderrechte zu den führenden Ländern. In den Niederlanden ist mir besonders aufgefallen, wie stark die frühkindliche Förderung ausgebaut und staatlich unterstützt wird. In der Schweiz gibt es in diesem Bereich noch Entwicklungspotenzial.
Im Buch beschreibe ich, dass Kinder in den Niederlanden intensiv kinderärztlich untersucht wurden. Zeigten sich Verhaltensauffälligkeiten, konnten sie ab etwa zweieinhalb Jahren in einer medizinischen Tagesstätte betreut werden. Schon während meiner Zeit an der ZHAW erzählte uns eine niederländische Dozentin immer wieder, wie früh solche Themen dort erkannt und ernst genommen werden. Ziel dieser Angebote ist es, die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder zu fördern und ihnen bessere Voraussetzungen für den späteren Schulstart zu geben.
Ich habe viele Familien begleitet, deren Kinder dort betreut wurden. Der Austausch mit den Eltern und den Pädagoginnen war dabei ein wichtiger Teil meiner Arbeit.
Im Buch erzähle ich unter anderem von Zwillingen, die länger als zwei Jahre dort begleitet wurden. Diese Unterstützung war auch deshalb wichtig, weil sie die überforderte Mutter spürbar entlastete.
Mädchen mit Autismus
Im Buch wird der Begriff Autismus 19-mal erwähnt. Die meisten beschriebenen Geschichten betreffen Jungen. Nur einmal geht es um ein Mädchen, und in einem weiteren Fall bestand zunächst die Vermutung, ein Mädchen könnte autistisch sein. Später zeigte sich jedoch, dass das Verhalten von der Schule falsch eingeordnet worden war – es handelte sich schliesslich um einen Transjungen. In einer Weiterbildung lernten wir damals, wie Autismus bei Mädchen besser erkannt werden kann.
In dieser Zeit war ich mit einer etwa 70-jährigen Frau befreundet. Ihre Enkelin hatte bereits mit drei Jahren eine Autismusdiagnose erhalten. Dadurch erkannte sie, dass sowohl ihr Sohn als auch ihr damaliger Ehemann ähnliche Merkmale zeigten. Bei der kleinen Enkelin war der Autismus noch deutlich sichtbar, weil sie in diesem Alter noch keine Strategien entwickelt hatte, um Auffälligkeiten zu überdecken. Ihr Sohn erhielt später mit 40 Jahren ebenfalls eine Diagnose. Ihr Ex-Mann wollte sich zwar nicht testen lassen, sah sich aber selbst im Autismus-Spektrum.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es in der Familienbegleitung manchmal Fachpersonen braucht, die für bestimmte Themen noch vertiefter ausgebildet sind.
Verändert hat sich in den letzten Jahren, dass Mädchen heute häufiger diagnostiziert werden. Das liegt einerseits daran, dass das Wissen über Autismus gewachsen ist, und andererseits daran, dass insgesamt mehr Diagnosen gestellt werden.
Damit stellt sich für mich erneut eine grundsätzliche Frage: Betrachten wir Autismus vor allem aus einer medizinischen Perspektive als Entwicklungsstörung, oder verstehen wir ihn eher als Ausdruck von Neurodivergenz – also als natürliche neurologische Variante? Diese Frage bleibt offen und wichtig zugleich.
Genderidentität
Auch wenn dies eher selten vorkam, hatte ich bei einer Jugendlichen, die ich begleitete, den Eindruck, dass sie möglicherweise trans sein könnte. Es handelte sich um dieselbe Jugendliche, bei der die Schule zunächst Autismus vermutet hatte. Im Vordergrund standen jedoch vor allem die belastete Beziehung zu den Eltern, selbstverletzendes Verhalten und grosse Unsicherheit.
Um 2012 wurde das Thema Transidentität in den Medien vermehrt sichtbar. Für mich war es das erste Mal, dass ich in einer Begleitung eine solche Vermutung hatte. Ich fragte die Systemtherapeutin, ob es einen Film oder anderes Material gebe, das das Thema verständlich erklärt. Meine Idee war, dieses zunächst mit den Eltern und später mit der Jugendlichen anzuschauen. Den kurzen Film besprach ich zuerst mit der Therapeutin und fragte danach die Mutter, ob ich ihn ihr zeigen dürfe. Den Vater wollten wir zu einem späteren Zeitpunkt in das Gespräch einbeziehen.
Die Mutter begann zu weinen und erzählte mir, dass ihre Tochter schon mit fünf Jahren gesagt habe, sie wolle anders heissen – mit einem Jungennamen. Die Mutter versuchte damals, wie sie selbst sagte, alles zu tun, damit das Kind nicht auf solche Gedanken komme. Als wir den Film gemeinsam anschauten, war das für beide sehr konfrontierend. Beide weinten, und die Jugendliche sagte: «Mama, ich wusste das schon, als ich klein war, aber du hast mir nie zugehört.»
In dieser Geschichte verwende ich im weiteren Verlauf die männliche Form, weil sie der Geschlechtsidentität des Jugendlichen entspricht.
Ich habe diese Familie zwei Jahre lang begleitet und dabei viel über Genderidentität, Zuhören und das behutsame Ansprechen sensibler Themen gelernt.
Selbstfürsorge als wichtige Präventivmassnahme
Selbstfürsorge ist eine zentrale Voraussetzung für eine langfristig tragfähige Arbeit in der Familienbegleitung und in anderen sozialen Berufen. Wer mit Menschen arbeitet, investiert viel Energie in Beziehungen, Gespräche und Unterstützung. Gerade deshalb ist es wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und gut für sich zu sorgen.
Selbstfürsorge schützt vor chronischem Stress und Burnout. In meinem beruflichen Umfeld habe ich mehrfach erlebt, wie Kolleginnen ausfielen, weil sie Warnsignale über längere Zeit übergangen hatten. Nach einem Burnout brauchten sie oft viel Zeit, um sich zu erholen, und mussten ihr Berufs- und Privatleben neu ordnen.
Ich habe es sehr geschätzt, dass unsere Organisation Schulungen, Supervisionen und Intervisionen angeboten hat. Diese Angebote förderten einen offenen Umgang mit Belastungen und stärkten den Austausch im Team. Dadurch entstand eine aufmerksamere Kultur: Wir fragten einander öfter, wie es uns ging, und sprachen Sorgen früher an, wenn jemand Unterstützung brauchte. Hast du heute schon jemanden gefragt im Team wie es geht?
Begleitung von Vätern
Während meiner Arbeit als Familienbegleiterin wurde mir deutlich, dass die Begleitung von Vätern sich in mancher Hinsicht von der Begleitung von Müttern unterscheidet. Besonders bewusst wurde mir das in einer Phase, in der ich acht alleinerziehende Väter gleichzeitig begleitete. Diese Situation forderte von mir einen Perspektivenwechsel, den ich im Rückblick als sehr bereichernd erlebt habe.
Zu Beginn der Begleitungen fiel es mir teilweise schwer, mit dem eher autoritären Stil mancher Väter und ihrer direkten Lösungsorientierung umzugehen. Gleichzeitig wurde schnell deutlich, dass die Gespräche oft praktischer ausgerichtet sein mussten und andere Erziehungsthemen im Vordergrund standen. Viele Väter wünschten sich eine klare, kurze und zielorientierte Kommunikation. Sie wollten konkrete Lösungswege und rasch zum Wesentlichen kommen.
Auch in der Beziehungsgestaltung mit ihren Kindern zeigten sich oft andere Schwerpunkte. Viele Väter nutzten körperliche Nähe, gemeinsames Spielen im Freien und Humor, um Beziehung aufzubauen. Ich habe die Arbeit mit diesen Vätern sehr geschätzt und viel von ihnen gelernt – vieles davon wird auch in den Geschichten meines Buches sichtbar.
Flucht aus Syrien
Eine Freundin, die viele Geschichten aus meinem Buch gelesen und mir Rückmeldung gegeben hat, fand diesen Abschnitt besonders stimmig. Und ja: Manchmal läuft es, wie man in den Niederlanden sagt, «op rolletjes» – oder in der Schweiz «wie am Schnürli».
Ich begleitete diese syrische Familie mit zwei kleinen Kindern im Rahmen eines freiwilligen Angebots. Die Familie war vor dem Bürgerkrieg geflohen und wuchs mir schnell ans Herz. Während der Begleitung fühlte ich stark mit ihnen mit. Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil die Familie auf der Flucht sehr Belastendes erlebt hatte und zugleich über bemerkenswerte Ressourcen verfügte. Gerade diese innere Stärke trug dazu bei, dass sich keine posttraumatische Belastungsstörung entwickelte.
Besonders wichtig war die Aufnahme des dreijährigen Jungen in eine Spielgruppe. Dort konnte er Kontakt zu Gleichaltrigen knüpfen, soziale Kompetenzen entwickeln und erste Erfahrungen mit der niederländischen Sprache sammeln – eine wichtige Vorbereitung auf den Schuleintritt. Gleichzeitig wurde die Mutter dadurch spürbar entlastet. Ein zentrales Thema der Begleitung war ausserdem die Integration der Familie in die niederländische Gesellschaft. In vielen Gesprächen sprachen wir über Unterschiede in Verhaltensregeln und gesellschaftlichen Erwartungen zwischen den beiden Ländern, wie ich es auch im Buch beschreibe.
Konfliktscheidungen
Diese Familien wurden mir häufig zugeteilt, weil ich mir aufgrund eigener Lebenserfahrung, einer persönlichen Erfahrung mit Mediation im Zusammenhang mit meiner Scheidung sowie vieler Beobachtungen im Familien- und Freundeskreis zutraute, sie zu begleiten. Besonders bewegt hat mich, wie stark Kinder unter anhaltenden Elternkonflikten leiden können: Manche stagnierten in ihrer Entwicklung, reagierten aggressiv, zogen sich zurück oder zeigten depressive Symptome. Deshalb war es zentral, den Eltern aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Kinder aus ihren Konflikten herauszuhalten, damit sie nicht in Loyalitätskonflikte geraten oder Schuldgefühle entwickeln.
Unsere Organisation hatte einige Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in Mediation ausgebildet. Dadurch konnten Eltern zunächst während einiger Wochen moderierte Gespräche führen, was die Situation oft spürbar entspannte. Erst danach setzte ich die Begleitung in den Familien fort.
Eine Kollegin beschreibt im Buch sehr treffend: Eine besondere Herausforderung war für sie das Erleben von Ungerechtigkeit – etwa dann, wenn Eltern einander den Kontakt zum eigenen Kind verwehren und diesen mit allen Mitteln behindern. Die damit verbundene Trauer und Ohnmacht seien schwer auszuhalten gewesen. Dennoch habe sie versucht, realistisch und ehrlich zu bleiben und gemeinsam mit den Betroffenen nach Wegen zu suchen, die einem Elternteil noch offenstehen.
Armut kann jeden treffen
Wie in der Schweiz oder in Deutschland sind auch in den Niederlanden Familien von Armut betroffen. Häufige Ursachen, die ich in meiner Arbeit erlebt habe, waren Alleinerziehende, niedriges Erwerbseinkommen im Sinn von Working Poor, Arbeitslosigkeit oder eine unsichere selbstständige Erwerbstätigkeit.
Dass Eltern Mühe hatten, grundlegende Bedürfnisse wie angemessene Kleidung, ausreichende Ernährung oder passenden Wohnraum zu finanzieren, war keine Seltenheit.
Viele dieser Familien waren zusätzlich mit Ausgrenzung, Überforderung und gesundheitlichen Belastungen konfrontiert – es sei denn, sie verfügten über ein tragfähiges Netzwerk und grosse Resilienz. Beeindruckt hat mich, wie manche Eltern trotz knapper Mittel für ihre Kinder gesunde Mahlzeiten zubereiteten und mit sehr begrenzten Ressourcen umsichtig umgingen. In den Niederlanden konnten Kinder dank eines Fonds dennoch ein Hobby ausüben. Das war aus meiner Sicht besonders wichtig, weil solche Angebote die Resilienz von Kindern aus belasteten Familien stärken.
Im Buch beschreibe ich die musikalische Begabung eines 14-jährigen Mädchens. Sie sang Lieder von Adele mit einer Ausdruckskraft, die mich tief beeindruckte. Das Singen war für sie ein wichtiges Ventil, weil sie mit vielen Problemen belastet war und zu Hause nur wenig Anerkennung erhielt. Um ihre Stärke gezielt zu fördern, konnte sie mithilfe eines Fonds Gesangsstunden besuchen. Ein Auftritt in der Schule stärkte zusätzlich ihr Selbstbewusstsein – besonders, weil ihre schulischen Leistungen insgesamt eher schwach waren. So konnte sie zeigen, dass in ihr eine besondere Fähigkeit steckt: das Singen.
